"Den guten Nazi von nebenan gibt es nicht"

Bericht vom Fachkongress der Freien Wohlfahrtspflege

 "Rechtsextreme sehen nicht immer so aus, wie man sie sich vorstellt. Sie sind auch nicht so dumpf, wie man sie gerne hätte" titelt "Die Zeit-Campus" im Frühjahr 2008.  Rechtsextremistische Organisationen in Deutschland sind in den letzten Jahren um einiges moderner und professioneller geworden.

Nicht nur, dass Rechtsextreme Parteien Einzug in Landtage und Kommunalparlamente halten: Auf lokaler Ebene spielen sie die "sozialen Kümmerer" – Hausaufgabenhilfe, Feriencamps und Jugendclub-Betreuung stoßen oft und zielgenau in die Lücken, die der Rückzug der Öffentlichen Hand lässt. Pferdefüsse dieses sozialen Engagements sind oft erst beim genaueren Hinsehen erkennbar: das Bestreben, rassistischen und fremdenfeindlichen Anschauungen einen gutbürgerlichen Mantel zu geben, um zu infiltrieren und zu rekrutieren. Auch die freie Wohlfahrtspflege sieht sich Unterwanderungsversuchen ausgesetzt. Das zu verhindern und Gegenstrategien zu entwickeln, muss eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre sein.

 

Aus diesem Anlass veranstaltete die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) gemeinsam mit dem Bundeskanzleramt vom 23. bis  24. Oktober 2008 den Fachkongress "Freie Wohlfahrtspflege gegen pädagogische und soziale Bestrebungen rechtsextremer Organisationen" in Berlin. Für die AWO Sachsen nahmen der stellvertretende Landesvorsitzende und Dresdner AWO-Chef René Vits und Franziska Schirmer, Projektkoordinatorin zur Umsetzung des Magdeburger Appells,  teil. Im Magdeburger Appell vom 12. April 2007 werden alle AWO Verbandsgliederungen bundesweit dazu aufgerufen, gegen die Unterwanderung zivilgesellschaftlicher Strukturen durch Personen und Gruppierungen mit rechtem Gedankengut einzutreten.

 

Fachkongress

 

Franziska Schirmer: "Der erste Tag des Kongresses wurde vor allem durch sehr informative Vorträge bestimmt. So sprach Dr. Thomas de Maizière, Bundesminister im Kanzleramt einführende Worte, die im Nachgang von weiteren Rednern mit Erfahrungsberichten, Fakten, gesellschaftlichen Anknüpfungspunkten und sozialwissenschaftlichen Hintergründen zum Rechtsextremismus ergänzt worden. Besonders betroffen machte die Darstellung des wachsenden Ausmaßes des rechtsextremen Engagements am "rechten Rand von Deutschland" von Ulrich Höcker, Kreisstellenleiter der Caritas in Ostvorpommern.

Am Abend bestand die Möglichkeit sich ein Filmprojekt, mit dem Titel "Jetzt erst recht", der Berliner Stadtteilzentren gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus anzusehen – eine beeindruckende Arbeit.

 

Am zweiten Tag stand die gemeinsame Diskussion in fünf Foren im Vordergrund: Kommunale Strategien gegen Rechtsextremismus, Soziale Stadtentwicklung, Ansätze in der Jugendhilfe gegen Rechtsextremismus, Ausstiegsmöglichkeiten aus der rechten Szene und Abwehr von Mitgliedschaften rechtsextremer Organisationen. Ich nahm am letztgenannten Forum teil. Dr. Dietmar Molthagen von der Friedrich-Ebert-Stiftung stellte zunächst die Strategien und die Unterwanderungsversuche der Rechtsextremen vor, um anschließend Gegenstrategien zu erörtern. Wolfgang Gulbis vom AWO Landesverband Mecklenburg-Vorpommern sprach die Notwendigkeit der Sensibilisierung und Information der Mitarbeiter an. Besonders diesen Punkt empfand ich als sehr wichtig, um erste Ansatzpunkte rechtsextremer Organisationen zu verhindern.

Ich denke, diese zwei Tage mit anregenden Beiträgen und Diskussionen können als Auftakt einer gemeinsamen Arbeit der Freien Wohlfahrtspflege im Kampf gegen den Rechtsextremismus gesehen werden."

 

Eine Dokumentation des Kongresses gibt es hier

 

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