20.März 2018

„Jeder wird gebraucht – keiner darf verloren gehen!“

Berufliche Bildung für Menschen mit Behinderung ist in Sachsen auf gutem Weg

Das Recht auf Teilhabe am Arbeitsmarkt und damit überhaupt die Möglichkeit auf eine Ausbildung oder auf berufliche Bildung, sollte jeder Mensch trotz Handicap haben. In der UN-Behindertenrechtskon­vention ist diese Vision fest verankert, die in der Gesellschaft zunehmend zum Selbstverständnis und zur Wirklichkeit werden soll. Doch die Realität sieht anders aus: Junge Menschen mit Behinderung, die eine Werkstatt (WfbM) besuchen, sind derzeit aus dem regulären Ausbildungssystem vollständig ausgeschlossen. Auf einem Fachtag der Liga der Freien Wohlfahrtspflege setzten sich heute Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Praxis mit der Umsetzung der Forderung aus der UN-Behindertenrechtskon­vention und dem Recht auf berufliche Bildung von Menschen mit Behinderung auseinander. Dazu wurde auch das sachsenweite Modellprojekt PRAXISBAUSTEIN, das durch die AWO in Sachsen unterstützt wird, näher vorgestellt. 

 

Foto: AWO Bundesverband e.V.

Mit dem durch das Staastministerium für Soziales und Verbraucherschutz mitfinanzierte Projekt wurde eine bundesweit vorbildliche Möglichkeit geschaffen, dass Menschen mit Behinderungen, die als nicht ausbildungsfähig und nicht erwerbsfähig gelten, eine von den Industrie- und Handelskammern sowie den Handwerkskammern anerkann­te standardisierte berufliche Bildung in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) angeboten werden kann. Zwar haben Menschen mit Behinderungen, die eine Werkstatt besuchen, auch schon bisher eine berufliche Qualifizierung im Berufsbildungsbereich der Werkstätten erhalten. Doch es fehlte die offizielle Anerkennung, wie sie im regulären Ausbildungssystem in Form von Zeugnissen, Diplomen oder Zertifikaten üblich ist. 79 Praxisbausteine wurden in den vergangenen Jahren entwickelt, die sich inhaltlich und strukturell an 11 verschie­denen anerkannten Ausbildungsberufen orientieren.

Während des Fachtages der Liga der Freien Wohlfahrtspflege wurden die Projektinhalte und der Weg der Implementierung der "PRAXISBAUSTEINE" dargestellt. Darüber hinaus setzten sich Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Praxis mit Fragen auseinander, weshalb berufliche Bildung für den persönlichen Lebensweg notwendig ist und welchen Stellenwert sie für Menschen mit Behinderungen hat. „Für alle Menschen, die am Arbeitsleben teilhaben möchten – egal in welcher Form, ist eine gute und abgestimmte berufliche Bildung erforderlich. Besonders Menschen mit einem Handicap dürfen dabei nicht zu kurz kommen, denn sie sind nicht nur ein wertvoller Teil unserer Gesellschaft, sondern verrichten auch wichtige Arbeiten in den Werkstätten und Betrieben. Mit den Praxisbausteinen wird ein konkreter Bezug zu einzelnen Berufen hergestellt. Das trägt zu einer besseren Inklusion in Sachsen bei und baut eine weitere Brücke in den allgemeinen Arbeitsmarkt. Jeder wird gebraucht und kein Mensch darf uns verloren gehen“, bekräftigte Klaus-Peter Hansen, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit, in seinem Grußwort.

Von den 60 anerkannten Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Sachsen sind bereits 22 offiziell zugelassen, PRAXISBAUSTEINe durchzuführen, weitere 12 sind auf dem Weg. Außerdem könnten durch die Praxisbausteine gezieltere Qualifizierungen für einen ganz konkreten Arbeitsplatz erfolgen:  Ob auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, einem ausgelagerten Außenarbeitsplatz in einem Betrieb oder aber auch in einer  Werkstatt für behinderte Menschen. „Personenorientierung und chancenöffnende Bildung für Menschen auch mit umfassenderen Handicaps ist ein Qualitätskriterium guter Werkstattarbeit. Diesen Ansatz verfolgen wir strukturiert, einrichtungsübergreifend und mit lebenslanger Lernperspektive als Anbieterszene weiter. Damit ist eine Voraussetzung gegeben, dass Menschen mit Unterstützungsbedarf stärker zwischen Teilhabemöglichkeiten wählen können und den Anforderungen einer sich ständig veränderten Welt begegnen können“, würdigte Andrea Stratmann von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten BAG WfbM in ihrem Vortrag den sächsischen Projektansatz, der bereits 2016 mit dem BAG WfbM-Bildungspreis ausgezeichnet wurde.

Das Projekt soll in Phase II nun weitere Berufsfelder erschließen und sachsenweit in Zusammenarbeit mit den Spitzenverbänden der Liga, der Landesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Menschen mit Behinderung, dem Sächsischen Sozialministerium, den zuständigen Stellen des Berufsbildungsgesetzes und der Bundesagentur für Arbeit in der Praxis verankert werden. Ziel ist, dass es in allen sächsischen Werkstätten im Berufsbildungsbereich einheitliche Bildungsmöglichkeiten gibt und sie damit an das reguläre Ausbildungssystem anschließen.

Weitere Infos: www.praxisbaustein.de

Die Praxisbausteine gehen auf eine Projektidee und Umsetzung der Diakonie Sachsen zurück. Die Entwicklung der PRAXISBAUSTEINE wird seit 2017 mit Steuermitteln des Freistaates Sachsen auf Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushalts gefördert.

Die Liga der Spitzenverbände ist der Zusammenschluss der Freien Wohlfahrtspflege im Freistaat. Mitglieder sind die Arbeiterwohlfahrt, die Caritas, das Deutsche Rote Kreuz, das Diakonische Werk, der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband sowie die Sächsische Zentralwohlfahrtsstelle der Juden. Der Vorsitz wechselt im Turnus von zwei Jahren und liegt 2018-19 derzeit bei der Caritas.

 

 

 

 

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