Perspektivwechsel für SPD-Politikerin - Landtagsabgeordnete Simone Raatz arbeitet für einen Tag bei der Arbeiterwohlfahrt in Freiberg mit
Von Gudrun Frohmader, Artikel der Freien Presse, Freiberger Zeitung, am Freitag, den 3. Juli 2009
Freiberg. Simone Raatz ist bestimmt nicht unsportlich. Aber mit dem Tempo von Konrad Möckel konnte sie gestern nicht mithalten. Den fünften Stock in einem Haus am Wasserberg schaffte er in atemberaubend kurzer Zeit - rauf und wieder runter. Der junge Mann, Maschineneinrichter bei Takata Petri in Freiberg, leistet seit zwei Monaten seinen Zivildienst bei der Awo in der Kreisstadt, und die SPD-Landtagsabgeordnete verteilte gestern mit ihm "Essen auf Rädern".
"Perspektivwechsel" nennt sich die landesweite gemeinsame Aktion von Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege und des sächsischen Sozialministeriums, an dem sich gestern neben der Freiberger Politikerin drei weitere Abgeordnete ihrer Fraktion beteiligten. Einen Tag lang halfen sie in sozialen Einrichtungen mit. Sie wollen damit ein Zeichen setzen für mehr Respekt und materielle Anerkennung der sozialen Arbeit.
Der Respekt von Simone Raatz war Konrad Möckel bereits nach dem dritten Stop gewiss. 30 Essensportionen muss der Zivi auf seiner Runde im Freiberger Wasserberg- und Seilerberg-Wohngebiet ausliefern. Etwa zweieinhalb Stunden Zeit hat er dafür, das sind fünf Minuten pro Portion - Fahrt und Treppensteigen inklusive. "Die Zeitvorgaben sind wirklich hart. Da bleibt kaum Raum für ein Gespräch, ein gutes Wort, das für viele der älteren Leute so wichtig wäre", kommentiert Simone Raatz.
Das hat sie auch vor der "Essenstour" beim morgendlichen Einsatz in der Awo-Kurzzeitpflege an der Karl-Günzel-Straße gemerkt, wo sie sich zum Beispiel beim Tee ausschenken mit einigen der Betreuten unterhalten hat. Dabei hat sie auch gespürt: "Die Mitarbeiter tun trotz des enormen Zeitdrucks ihre Arbeit mit viel Liebe". Das Fazit der SPD-Politikerin nach diesem Tag: "Es ist gut, einmal einen intensiveren Einblick in soziale Arbeit zu erhalten und die Probleme kennen zu lernen. Neben dem engen zeitlichen Rahmen für die Pflegekräfte sind das auch solche Dinge wie unebene Wege und fehlende Bänke im Gebiet des betreuten Wohnens am Forstweg sowie fehlende Toiletten am Unicent."
Und die Moral von der Geschicht'? "Bei den ganz praktischen Problemen werde ich das Gespräch mit der Stadtverwaltung suchen und helfen, sie zu lösen. Das andere ist Bundespolitik, wo ich ja hinwill (Simone Raatz will im Herbst für den Bundestag kandidieren). Dem Hetzen der Pflegekräfte, das ja wirklich nicht das non plus ultra ist, kann man längerfristig mit anderen Pflegesätzen Rechnung tragen."
Kommentar
Von unten. Politiker an die Basis
Von Gudrun Frohmader
Perspektivwechsel. Den würde man viel mehr Politikern wünschen, damit sie das Leben "von unten" wieder kennen lernen, so wie Simone Raatz. Denn wie oft hat man, wenn ein neuer Beschluss gefasst, ein neues Gesetz erlassen wurde, den Eindruck, dass sie die Bodenhaftung völlig verloren haben. Je höher sie sitzen, umso mehr. Das betrifft die Verkehrspolitik genauso wie das Gesundheitswesen, die Arbeitsmarktpolitik wie die Bildung. "Stasi in die Produktion!", hieß es nach der Wende. "Politiker an die Basis!", müsste es heute heißen. Und das möglichst nicht nur für einen Tag und möglichst so, dass die Damen und Herren, die uns regieren auch mal am eigenen Leib die Auswirkungen ihres Tuns zu spüren bekommen. Sie müssen dabei ja nicht gleich Hartz-IV-Empfänger werden.
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