07.November 2019

Wie können wir das Ehrenamt modern und attraktiv für junge Leute gestalten?

Interview mit Anna Pfeiffer

Anna Pfeiffer ist Mitglied im Präsidium des Bundesverbands und Geschäftsführerin des Kreisjugendwerks der AWO Essen. Von 2016-2018 war sie Vorsitzende des Bundesjugendwerks. Das nachfolgende Interview führten wir für unsere meeting Ausgabe 2/2019 mit dem Thema "Engagiert euch! Ehrenamt bei der AWO" durch.

Anna Pfeiffer
Anna Pfeiffer

Frau Pfeiffer, eine provokante Frage zum Einstieg: spielt das Thema Ehrenamt in den Jugendwerken der AWO noch eine Rolle?

Ja, das Thema Ehrenamt spielt in den Jugendwerken eine große Rolle – vielleicht sogar eine wichtigere Rolle in der AWO als solche – denn die AWO hat sich im sozialen Sektor so stark als Arbeitgeberin aufgestellt, dass davon das Ehrenamt schon mal in den Schatten gestellt werden kann. Diese Situation haben wir in den Jugendwerken nicht, wo noch fast alles ehrenamtlich organisiert ist. Auf Orts – oder Kreisebene findet man kaum hauptamtliches Personal und auch in den Geschäftsstellen auf Landesebene sind das höchstens ein bis zwei hauptamtliche Mitarbeitende. Das Jugendwerk ist insgesamt sehr viel kleiner in seiner Struktur und damit steht der Mitgliederverband hier noch stärker im Fokus.

 Also könnte man sagen, im Jugendwerk ähnelt die AWO noch stärker dem klassischen Wohlfahrtsverband und nicht so sehr dem professionellen Dienstleister, wie sie nun oft mit ihren vielen Einrichtungen wahrgenommen wird?

 Ja, man muss aber dennoch sagen, dass auch im Bereich der Jugendwerke über die letzten Jahrzehnte eine starke Professionalisierung stattgefunden hat, z.B. wenn man sich den Bereich der verbandlichen Kinder – und Jugendreisen anschaut., den viele als ihr Hauptbetätigungsfeld sehen. Dort ist es schon sehr professionell. Da gibt es Vorschriften wie das Vorzeigen von Führungszeugnissen von ehrenamtlichen Betreuern über AGB’s, die man an die Broschüren anfügen muss – das sind höchst professionelle Strukturen. Dennoch hat das im Jugendwerk noch eine ganz andere Dimension. Denn auch das jugendverbandliche Reisen funktioniert natürlich nicht ohne Ehrenamt – alle Betreuer*innen, die dort mitfahren, machen das ehrenamtlich.

Wie würden Sie denn die Entwicklung in den Jugendwerken in den vergangenen Jahren beurteilen? Sind die Zahlen ähnlich stagnierend bzw. rückläufig wie bei der AWO als Mitgliederverband insgesamt oder gibt es nach wie vor ein hohes Interesse?

Aus der Perspektive unseres Kreisverbands in Essen ist nach wie vor ein hohes Interesse da. Wir haben hier keine Probleme, z.B. ehrenamtliche Vorstände zu besetzen. Ich glaube aber, dass dies regional sehr unterschiedlich ist. Und vor allem: dass es heute eine höhere Fluktuation gibt. Wenn z.B. junge Menschen sich in ihrem Stadtteil engagieren wollen, nicht nur mit ein paar Aktionen, sondern sich eine Struktur geben und ein Jugendwerk gründen wollen, dann kann es sein, dass diese Leute sich zwei oder auch vier Jahre engagieren, solange auch diese Freundesgruppe Interesse daran hat. Und dann kann sich das auch einfach nach ein paar Jahren wieder auflösen, denn die Leute sind älter geworden und haben vielleicht ein Studium angefangen oder abgeschlossen. Und dann findet sich vielleicht ein paar Jahre später eine Gruppe, die Lust hat, das wiederaufzubauen.  Das ist schon ein großer Unterschied zu der Kontinuität, die es bei der AWO z.B. auf Ortsebene gibt, wo über Jahrzehnte hinweg sogar oftmals mit dem gleichen Personal Angebote gemacht werden.

Diese Erfahrung machen wir hier auch, wobei es für uns bereits schwieriger ist, junge Leute auf einer ehrenamtlichen Ebene zusammen zubekommen. Darüber hinaus beobachten wir auch ein starkes projektbezogenes Engagement. Müsste man nicht auf diese Entwicklungen reagieren und über grundlegende Änderungen innerhalb der AWO nachdenken, z.B.  einer ortsunabhängigen Mitgliedschaft?

Die temporäre Beteiligung am Jugendverband ist in Ordnung – wir müssen uns einfach darauf einstellen, dass sich die Lebenssituationen von jungen Menschen öfter ändern, ob nun Schule, Ausbildung, das erste eigene Arbeitsverhältnis oder die Gründung einer eigenen Familie. Wenn ich eine Gruppe von jungen Leuten habe, die Lust und eine Idee haben, sich zu engagieren, dann ist es wichtig, ihnen schnell eine Hilfestellung zur Umsetzung an die Hand zu geben.

Sollte nicht dennoch am Ende das Ziel stehen, die jungen Leute längerfristig an die AWO zu binden?

Das wäre natürlich toll und es passiert auch, dass sich so etwas aus einem kurzfristigen Engagement heraus entwickelt. Aber ich glaube, man muss sich schon ein wenig von der Vorstellung verabschieden, dass Leute einmal den Verband kennenlernen und dann bis zu ihrem Lebensende in diesem Verband engagiert sind.

Mit welcher Motivation kommen die jungen Leute zu Ihnen? Geht es eher um Geselligkeit oder steht doch meistens der Wunsch dahinter, sich gesellschaftlich engagieren zu wollen?

Ich glaube, dass die Gemeinschaft, die man in so einem Verband erlebt, der erste Grund ist. Man wird keine jungen Menschen finden, die sagen: Ich bin ein großer Fan vom demokratischen Sozialismus, ich möchte mich gern in einem Verband engagieren, der diese Werte lebt. Das erleben wir in den allerseltensten Fällen. Wir kriegen die Leute über gemeinsame Aktionen im Jugendwerk – sie lernen ein Angebot kennen und bleiben dann hängen, z.B. nehmen sie an einer Ferienfreizeit teil oder fahren als Betreuer*in mit. Dort sehen sie dann, wie die Werte im Verband verinnerlicht sind und bleiben darüber. Es gibt auch viele Leute, die an einer Aktion teilnehmen und z.B. sagen: Bei den Ferienfahrten bin ich jedes Jahr dabei, aber andere Bereiche interessieren mich gar nicht so sehr und im Vorstand möchte ich auch nicht mitarbeiten. Die Menschen bleiben meiner Meinung im Verband, weil sie auf andere Menschen treffen, die auch Spaß daran haben, in ihrer Freizeit etwas Sinnstiftendes zu tun und am Ende davon ein gutes Gefühl mitnehmen und wissen: Ich engagiere mich hier, ich helfe anderen und ich helfe auch mir selber. Das Thema Qualifizierung von Ehrenamtlichen spielt dabei eine immer wichtigere Rolle. Wenn z.B. sich jemand engagiert und zur Gruppenleiter*in weiter schulen lässt, bekommt er oder sie das natürlich bescheinigt, was dann wiederum später bei der Suche nach einer festen Stelle oder Ausbildung eventuell eine Rolle spielen könnte. Wenn ich Bewerbungen auf den Tisch bekomme, schaue ich auch: Hat der- oder diejenige sich ehrenamtlich schon einmal engagiert? Weiß er oder sie überhaupt, was so ein ehrenamtlicher Verband ist?

Sie hatten ja bereits die Ferienfahrten angesprochen. Haben Sie noch weitere Beispiele, eventuell auch aus Ihrer Erfahrung im Bundesjugendwerk, was bei Ihnen gut funktioniert an Aktionen, um Jugendliche erst einmal für die AWO zu interessieren?

Das Thema Ferienfahrten steht schon an erster Stelle. Dabei kommen viele der Jugendlichen durch das Weitersagen von Freunden oder Bekannten und nur zum Teil durch gezielte Werbung und soziale Medien zu den Ferienfahrten. Zudem passiert es, dass Freiwillige aus dem BFD oder FWD beim Jugendwerk bleiben bzw. direkt im Jugendwerk ihre Stellen haben, z.B. unsere Beisitzerin, die vorher in der Geschäftsstelle ihren BFD gemacht hat und jetzt im Vorstand des Kreisjugendwerks ist. Um den Verband kennenzulernen und in Kontakt zu bleiben, ist für uns auch die offene Kinder- und Jugendarbeit ein wichtiger Bereich. Dort ist auch bei der Zusammenarbeit von AWO und Jugendwerk noch viel Luft nach oben. Die meisten Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit sind - zumindest in Essen - in Trägerschaft der AWO und nicht des Jugendwerks – und dort sind die jungen Menschen. Und das ist natürlich eine gute Möglichkeit, die Menschen, die in diesen Einrichtungen ihre Freizeit verbringen, für ein weiteres Engagement zu werben.

Ich glaube schwierig von der hauptamtlichen Seite - die ich jetzt einnehme - ist, dass man einfach nicht genug Zeit hat, die Dinge so anzugehen, wie man möchte und das dann auch ganz oft nicht mehr authentisch ist. Wenn ich jetzt von morgens bis abends versuchen würde, die sozialen Medien zu bespielen, dann bin ich mit meinen fast 32 Jahren schon gar nicht mehr in dieser Kommunikation drin, wie das vielleicht Ehrenamtliche sind. Deswegen müssen wir diese miteinbeziehen, sie z.B. Beiträge für soziale Medien selber verfassen lassen, damit das authentisch ist.

 Ist es denn nicht problematisch, z.B. den eigenen Facebook-Account in die Hände von jemanden zu legen, der nicht hauptamtlich damit betreut ist?

 Bei uns gibt es tatsächlich Leute im Vorstand des Jugendwerks, die wollen sich da stärker einbringen und haben einen Zugang zu unserem Facebook und Instagram Account. Natürlich ist das eine große Verantwortung, aber genau darum geht es ja auch in einem Jugendverband, indem man sich engagiert – man möchte Verantwortung übernehmen und wir müssen bereit sein, diese Verantwortung abzugeben. Und das hat viel mit Vertrauen zu tun und mit Vertrauensvorschuss, aber sonst würde es nicht funktionieren. Und manchmal gehen Experimente auch mal schief, aber alle, die dabei sind, lernen auch etwas daraus.

Und da kommen wir auch noch einmal zu der Frage nach der Professionalität: Wenn wir darüber nachdenken, was wir für Gesetzgebungen haben – DSGVO- gerade im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, müssen wir überlegen, wie man sich als Jugendverband sicher im Rahmen von dieser Gesetzgebung bewegt, ohne handlungsunfähig zu werden. Das kostet sehr viel Energie und natürlich wollen sich die Ehrenamtlichen mit diesen Themen oftmals gar nicht auseinandersetzen.  Die möchten was Schönes machen und fragen sich, warum sie im Vorfeld da irgendwelche Gesetzgebungen durchackern müssen.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach bei der AWO ändern, damit mehr junge Leute die Angebote attraktiv finden und sich aktiv beteiligen wollen?

Ich glaube, dass wir bei der AWO ein großes Potenzial für weiteres ehrenamtliche Engagement haben. Wir haben die Strukturen, wir haben die Erfahrung, wie man jugendverbandliche Strukturen aufbaut, aber das ist leider in dem Maße überhaupt nicht bekannt. Von dieser Erfahrung wird leider viel zu wenig profitiert. Ich glaube, dass man die AWO viel mehr als Möglichmacherin für Ehrenamt begreifen muss. Das wir sagen: Wir haben das Know-How, wir haben Hauptamtliche, die euch helfen, eure Ideen umzusetzen, die euch eventuell sogar Finanzen und Räume – ein wichtiges Thema in der Stadt – zur Verfügung stellen können. Gemeinsam können wir da was machen. Und nicht von Anfang an zu sagen: wenn ihr euch da engagieren wollt, dann muss das in Formen von Ortsvereinen sein.

Also letztendlich eine Frage der Kommunikation und besseren Öffentlichkeitsarbeit?

Ja und vor allem das Ganze als offenes Format anzubieten und das Format nicht von Beginn an festzulegen. Wenn man die jungen Menschen hat, die sich für ein bestimmtes Thema interessieren, dieses Thema für sie aufzubereiten. Und die AWO in Zukunft auch nicht nur in ihrer örtlichen Struktur zu denken. Warum müssen die Ortsvereine an Stadtteile oder an Kreise gebunden sein, warum sind sie nicht an Themen gebunden? Wenn ich z.B. eine Gruppe habe, die sich speziell für die Erschließung von Wanderwegen in ihrer Region interessiert, warum gibt es dann nicht einen Ortsverein der AWO zu Wanderwegen? Dieser örtliche Bezug, den die AWO heute noch hat, kann man als junger Mensch - Stichwort Mobilität - oftmals nicht mehr nachvollziehen. Den jungen Menschen geht es um Interessen und Themen.

 Liebe Frau Pfeiffer, vielen Dank für das Gespräch!

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