13.August 2020

Mehr als nur Worte und Prämien für unser Pflegepersonal

Ein Kommentar von Lissy Nitsche-Neumann

Während der Corona-Hochphase schien es kurz, als bekäme die Pflegebranche endlich die Aufmerksamkeit und Wertschätzung, die sie verdient. Es wurde applaudiert, es wurde versprochen, es kam die Pflegeprämie als anerkennende Geste. Doch davon scheint nicht mehr viel spürbar, im Gegenteil.

Ein Pfleger hält eine Spritze in der Hand, dahinter ein Covid-19 Schild

Während Urlaubsrückkehrer*innen - was zu begrüßen ist - unproblematisch die Möglichkeit erhalten, sich auf Covid-19 testen zu lassen, ist für das Pflegepersonal in den Einrichtungen eine Testung weiterhin nur in Ausnahmefällen möglich.

Wie kann das sein? Ein Kommentar von Lissy Nitsche-Neumann, Fachberatung Senioren | Pflege | Innovation beim AWO Landesverband Sachsen

Es ist August, die Hundstage weilen. Schwül-heiße Luft in Räumen überall. Bis zu 36 Grad und es wird noch heißer…. Unter dem Mund-Nasen-Schutz schwitzt nicht allein die Pflegekraft, die vor und immer (noch) während und zukünftig die tägliche Versorgung von pflegebedürftigen Menschen jeden Alters zu Hause oder in stationären Einrichtungen sicherstellt. Immer noch unter hohem Engagement, immer noch über die eigenen Grenzen hinaus, immer noch gern und immer noch unterbezahlt, weil die Leistungen immer noch untervergütet sind.

Was ist aus all den Versprechungen zu Beginn der Corona-Pandemie – ach was – zu Beginn der alltäglichen medialen Pflegeverbesserungsgelöbnisse gemacht worden?

Alles heiße Luft? Das Corona-Virus ist ohne Impfstoff nicht besiegbar, aber in der Ausbreitung beeinflussbar. Ferienzeit ist Urlaubszeit. Urlaubsrückkehrer*innen können sich inzwischen kostenfrei testen lassen, um das Risiko einer weiteren Verbreitung des Virus zu minimieren. Freiwillig natürlich, anderes ist es unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte nicht durchsetzbar. Wie sieht es aber in den für Corona besonders anfälligen stationären Pflegeeinrichtungen aus? Gleichwohl regionale Unterschiede existieren, gelten besonders Pflegeeinrichtungen, aufgrund ihrer vulnerablen Zielgruppe sowie der körpernahen intensiven Pflegetätigkeiten als Hochrisikoreich. Müsste nicht in derart sensiblen Bereichen (nicht ausschließlich auf Pflege beschränkt) prophylaktisch und systematisch getestet werden? Ja klar, logisch! Doch dem ist leider nicht so. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Es wurde auf Balkonien geklatscht, gehuldigt, geheldigt. Danksagungen flossen und fließen noch immer reichlich. Das ist aber auch der einzige Überfluss. Ja: Pflegekräfte haben eine Prämie erhalten. Das ist richtig und gut so. Wenngleich es alle Pflegekräfte – auch die im Krankenhaus – und viele andere systemrelevante Berufe verdienen würden. Systemisch betrachtet kann die Prämie als Almosen, als Ruhigstellung bewertet werden. Die Arbeitsbedingungen und die Attraktivität des Pflegeberufs wurden dadurch noch nicht verbessert.

Der Applaus ist verstummt, die Fenster sind wieder geschlossen. Und jetzt werden relevante Berufsgruppen wie die Pflegekräfte nicht mal prophylaktisch und systematisch getestet? Sowohl die bundesrechtliche als auch die landesrechtliche Verordnung zur Testung bei Covod-19 sehen ebendiese nur unter bestimmten Voraussetzungen und in alleiniger Hoheit der zuständigen Gesundheitsämter vor. Das kann insofern als problematisch gelten, als dass unter Umständen z.B. am Wochenende oder an Feiertagen niemand erreichbar ist und damit ein schnelles Handeln den Einrichtungen unmöglich ist. Die Kosten für eine Testung werden nur übernommen bzw. können abgerechnet werden, wenn die zuständige Stelle, eine Testung angeordnet hat. Nur ein Beispiel eines Flickenteppichs an Einzelregelungen im föderalistischen System der Bundesländer. Einheitlichkeit sieht anders aus. Beschäftigte in Gesundheits- und Sozialberufen werden (mal wieder) abgespeist. Hauptsache die Autoindustrie und die Lufthansa werden mit Milliardenbeträgen gerettet. Eben doch alles nur heiße Luft.  Schwitzen ist demnach weiter angesagt.

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Ulrike Novy
Pressesprecherin I Öffentlichkeitsarbeit
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