30.Oktober 2020

Interview mit Annett Fahland,Sachgebietsleiterin Kindertagesstätten der AWO Bautzen

Ich brenne für meine Arbeit

Annett Fahland ist seit 1992 bei der AWO. In diesem Interview aus unserer meeting-Serie "30 Jahre - 3 Geschichten" erzählt sie über die Anfänge der AWO in Bautzen, persönliche Herausfoderungen und was für sie die Arbeit bei der AWO ausmacht.

Annett Fahland hält ein Foto aus der Anfangszeit der AWO in Bautzen in den Händen

Was sind Aufgaben und aktuelle Herausforderungen hier an Ihrem Arbeitsplatz im Kreisverband Bautzen?

Ganz aktuell ist natürlich für mich als Verantwortliche der Kindertageseinrichtungen im Kreisverband Bautzen das Thema Corona sehr präsent. Wir haben hier 28 Standorte und rund 2.300 Kinder in Betreuung. Die 300 Mitarbeitenden müssen koordiniert werden und Personalnotstände und -lücken z.B. durch Erziehungsurlaub bearbeitet werden. Das Tagesgeschäft ist bestimmend. Der aktuelle Grundauftrag besteht auch darin, sich mit den Kommunen abzustimmen, die Haushaltsverhandlungen für das nächste Jahr auf den Weg zu bringen und sich abzustimmen: Wo soll die Reise im nächsten Jahr hingehen – sowohl strukturell/organisatorisch wie auch pädagogisch. Mir geht es darum, dass dies nicht nur ein Abarbeiten von Auflagen ist, sondern dass sich die pädagogische Weiterentwicklung auch in den Haushaltsplänen abbildet.

Sie bilden im Endeffekt also das Bindeglied zwischen den Kommunen, der Verwaltung und den Kitas?

Genau, also alle Vorgaben, die unsere Kitas betreffen. Das kann man ganz gut am Beispiel der Corona-Krise festmachen – da gab es ja immer wieder neue Informationen und Richtlinien, die umgesetzt werden mussten und diese beraten wir dann erst einmal hier im Haus, stimmen die Zuständigkeiten ab und strukturieren die Informationen. Und dann ist es wichtig, einen Fahrplan festzulegen, den Einrichtungsleiter*innen etwas an die Hand zu geben und sich gemeinsam abzusprechen.

Und Ihnen macht Ihre Arbeit Spaß?

Ja! Mein Handlungsfeld war immer die Kita und wird es auch immer bleiben. Ich habe im Laufe meiner Arbeit viele Facetten im Kontext des Themas Kita kennenlernen dürfen. Angefangen als Erzieherin 1990, damals noch bei der Stadtverwaltung und beim Landratsamt und dann die Suche nach einem freien Träger – wie es damals eben so war, mit sehr vielen, auch persönlichen, Unsicherheiten. Dann kam die erste Kita des AWO Kreisverbands Bautzen 1991 und viele politische Neuerungen, die auf die Einrichtungen einströmten. Ich hatte 1989 fertig gelernt und ab 1990 hatte man das Gefühl, es war nichts mehr so, wie man es einmal gelernt hatte. Alles war in Frage gestellt. Aber es war auch eine spannende Findungsphase. Ich habe schnell Freude gefunden an dem Ausprobieren von Neuem. Aus dieser Unsicherheit, die ja unser ganzes Team bewegt hat, herauszukommen und zu sagen: Lasst uns neu verorten. Ich durfte dann im Jahr 2000 die Fröbel-Ausbildung [spezielle pädagogische Ausrichtung, Anm.d.Red.] beginnen, das war spannend. Denn eine neue Ausrichtung, welche v.a. den Kindern die Freiheit gibt, selber Dinge zu entscheiden und machen zu lassen, stellte ja auch zum großen Teil in Frage, wie bis dato gearbeitet wurde.  Man sah dadurch aber auch die Möglichkeit, selber etwas zu bewegen. Das war dann auch ungefähr der Zeitpunkt, wo die Anfrage an mich herangetragen wurde, selber eine Kita-Leitung zu übernehmen – etwas, worüber ich mich dahin noch nicht nachgedacht hatte. Ich hatte unheimlich viel Spaß mit meiner Arbeit als Erzieherin – aber als das Anliegen an mich herangetragen wurde, habe ich dann doch überlegt, diese Herausforderung anzunehmen. Denn ich liebe die Herausforderung. Ich hatte dann eine Weile zu tun, mich an die neue Situation zu gewöhnen, weil mir der unmittelbare Umgang mit den Kindern sehr gefehlt hat. Es war schwierig, aber ich habe dann gemerkt, dass es auch bei der Arbeit im Team ähnlich wie bei Kindern um die Unterschiedlichkeit von Menschen geht und darum, ein Team zusammen und zu einem gemeinsamen Ziel zu bringen. Und ab diesem Zeitpunkt hat mir diese Arbeit dann auch richtig Spaß gemacht. Geholfen hat mir dabei auch die Kitaleitungs-Qualifizierung, wo es ebenfalls um die Arbeit mit Erwachsenen ging. Diese Möglichkeit, mich parallel theoretisch weiterzubilden und dies dann im praktischen Kontext anzuwenden, war sehr schön. Parallel dazu wurde ich zur QM-Beauftragten der Kitas, was mich in engen Austausch mit den anderen Kitaleitungen brachte und mich letztendlich auf meine jetzige Tätigkeit vorbereitete.

Und das war Ende der 90er Jahre?

Das war 2001 und ich bin dann von der AWO Kita Bimmelbahn in eine andere Einrichtung der AWO Bautzen gewechselt.

Wie ging 1991 der Übergang Ihrer Kita in AWO-Trägerschaft vonstatten?

Am Anfang waren wir 2-3 Kitas ohne Sachgebietsleitung. Als es hieß, die Betriebskitas – zu der die Kita Bimmelbahn als Kita der Reichsbahn zählte - werden abgewickelt, ist die damalige Leiterin buchstäblich Klinken putzen gegangen und hat gefragt: Wer kann uns übernehmen? Sie war da sehr engagiert und hat sich am Ende auch bewusst für die AWO entschieden. Dann hieß es: du bekommst einen neuen Arbeitgeber, du behältst deinen Job - das hatte erst einmal eine persönliche Tragweite.

Die ganze Situation in der Wendezeit war voller Unsicherheiten. Als ich 1990 – einige Monate nach der Geburt meines Sohnes - einen Anruf bekam, hatten wir gerade Telefon bekommen. Es hieß: Entweder sie fangen nächste Woche bei der Kita der Reichsbahn an oder Sie haben keine Arbeit mehr. Da haben mich existenzielle Ängste umgetrieben, ich dachte: Ich kann nicht ohne Kita sein. Das war ein Donnerstag und ich bin durch das Viertel in unsere Kita-Einrichtung gegangen und habe gesagt: Ab Montag muss mein Kind hierherkommen. Da war nix mit Eingewöhnung – aber das war eben so. Da übergab man dann das Kind einer weiß gekittelten Frau am Tresen und es war normal, dass das Kind vielleicht über Tage weinte. Die Bindungstheorien und Grundlagen bekam man erst viel später zu hören. Da hat man dann persönlich auch schon einmal eine Gänsehaut bekommen nach dem Motto: Zum Glück habe ich noch eine gute Beziehung zu meinem Kind. Und natürlich prasselten dann auch mit der Zeit zwei Welten in den Kitas aufeinander.

1994 kam es dann aufgrund des Geburtenknicks zu einer großen Kündigungswelle in allen Kitas. Gerade zu dieser Zeit wurde aber auch gesagt: Die AWO soll einen Betriebsrat haben. Und weil mich alles was neu ist und die Herausforderung reizte, bin ich recht blauäugig in eine Betriebsrat-Stellung gerutscht – diese hat mich aber letztendlich vor einer Kündigung in der Kündigungswelle bewahrt. Viele meiner Kolleginnen in meinem Alter wurden in dieser Zeit gekündigt. Die Betriebsrat-Tätigkeit war für mich sehr interessant, man bekam Einblicke in die Hintergründe wie Personalgestaltung und Einstellungsverfahren. Damit wurde auch der Wechsel in die Leitung später für mich greifbarer.

Wann fiel die Entscheidung, von der Kita-Leiterin und QM-Beauftragten hin zu Sachgebietsleitung Kita der AWO Bautzen?

Meine Vorgängerin ging in Rente, die Stelle musst neu besetzt werden und der damalige Geschäftsführer hatte mich auf dem Plan. Ich hatte einen Riesenrespekt vor diesem Job und auch meiner Vorgängerin, welche diese Arbeit vorher mit soviel Herz und Engagement ausgeführt hatte. Aber ich entschied mich dennoch für die Herausforderung und kannte den Kitaleitungskreis und das große Engagement der Kolleg*innen zu dieser Zeit ja auch schon recht gut. Und für den Geschäftsführer stand es ja sowieso außer Frage, dass ich annehme. Auf meine Frage, wielange ich Zeit habe, mich zu entscheiden, meinte er nur: „Ob sie mir heute oder morgen ja sagen, ist eigentlich egal.“ Aber ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, denn es war der Schritt, ganz weg von den Kindern zu gehen. Und das ist mir am Schwersten gefallen. Ich habe aus den Kindern immer sehr viel Energie geschöpft. Dennoch habe ich die Entscheidung nie bereut. Es gab dann auch Weiterbildungen, z.B. habe ich ander TU Dresden meine Fachberaterausbildung gemacht und mich zum Thema Erwachsenenqualifizierung weitergebildet.

Wir sind mit 500 Kindern an 16 Standorten gestartet – mittlerweile sind wir 2.300 Kinder an 28 Standorten im Kreisverband Bautzen. Bei dieser Vielfaft und den unterschiedlichen pädagogischen Richtungen lernt man auch selber immer wieder dazu.

Sie sind Anfang der 90er eher zufällig bei der AWO gelandet. Wie war das Grundgefühl damals?

Die Stimmung in der damaligen Geschäftsstelle der AWO Bautzen mit Ofenheizung und Charme der 70er Jahre war sehr familiär. Es gab zwei über ABM organisierte Stelllen in der Verwaltung, die sehr nah am Vorstand dran waren. Da gab es auch Ausflüge z.B. Wandern, wo alle dabei waren, denn es gab erstmal nur zwei Kitas, die Suchtberatung und die Verwaltung. Alle kannten sich, das war wie eine Familie. Mit steigenden Zahl an Einrichtungen muss man natürlich schauen, wie man so etwas hinbekommt und dranbleiben. Hinzu kommt der Verwaltungsaufwand, der immer größer geworden ist – wo ich früher mit einem Zettel hinkam, brauche ich heute fünf. Deswegen habe ich 2017 auch eine Kollegin an die Seite bekommen, die diese formelle Seite mitbegleitet.

Als sie von der AWO übernommen wurden, gab es da Vorbehalte gegenüber dem neuen Träger bzw. negative Aspekte der Übernahme?

Nein, wir waren heilfroh, unseren Job zu behalten. Es standen existenzielle Fragen im Vordergrund. Es kam dann aber relativ schnell der Zeitpunkt, wo man sich mit der AWO, ihren Werten und ihrer Geschichte beschäftigt hat. Die Entscheidung, letztendlich bei der AWO zu bleiben, habe ich dann auch bewusst getroffen. Die AWO hat mir viele Chancen zur Weiterbildung gegeben und ich konnte mich selber einbringen. Es war ein Geben und Nehmen und ich habe die AWO als stabilen Arbeitgeber kennengelernt. Auch das Arbeiten im Verband, mitgestalten, weiterentwickeln, eigenverantwortlich arbeiten und über den Tellerrand blicken können – das hat mich mit durch die Jahre getragen und damit habe ich mich wohlgefühlt. Und das ist ganz wichtig. Man verbringt so viel Zeit auf Arbeit – ich brenne für meine Arbeit mit den Kitas und das wird bis zur Rente auch mein Arbeitsfeld bleiben – an welcher Stelle auch immer.

Zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft: Wenn Sie einen Wunsch für Ihren Fachbereich oder die AWO hätten, welcher wäre das?

Ich würde mir wünschen, dass es uns gelingt, die gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern und den Zusammenhalt zu wahren. In den Teams muss es weiter darum gehen, unterschiedliche Erwartungen unter einem Hut zu bekommen und dennoch gemeinsam am Ball zu bleiben. Dass es uns gelingt, dieses Gemeinschaftsgefühl der AWO zu bewahren. Dass wir trotz aller Vorteile der Individualität den Blick auf unseren Nachbarn und Kollegen nicht verlieren. Und ich wünschte mir manchmal viel mehr Zeit, um in den Kitas vor Ort sein zu können.

 

Das Interview erschien als Kurzfassung in der meeting Ausgabe 2_2020.

 

 

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Ulrike Novy
Pressesprecherin I Öffentlichkeitsarbeit
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