04.November 2020

Gespräch mit Karsten Budras, Einrichtungsleiter der Töpfereiwerkstatt in Eilenburg

Der Ton kann nicht warten

Karsten Budras ist Mitarbeiter der Töpferwerkstatt der AWO Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Eilenburg und seit 1994 bei der AWO. In diesem Interview aus unserer meeting-Serie "30 Jahre - 3 Geschichten" erzählt er über die Zeit, als die Werkstatt zur AWO Werkstatt wurde und seine persönlichen Herausforderungen bei und mit der AWO in 26 Jahren.

Karsten Budras beim Töpfern

AWO: Herr Budras, wir sind in der Töpferwerkstatt der AWO Werkstätten für Menschen mit Behinderung in Eilenburg – ihrem Arbeitsplatz. Was sind Ihre Aufgaben hier?

Meine Aufgabe ist eine zweigeteilte. Einerseits bin ich pädagogisch für die Menschen in meiner Einrichtung dar und kümmere mich zusätzlich die Förderpläne, die jährlich geschrieben werden müssen. Auf der anderen Seite sind wir ein Betrieb, der Töpferwaren herstellt – also Gebrauchsgeschirr. Die Soziale Arbeit mit der betriebswirtschaftlichen zu verbinden, ist meine große Aufgabe. Das ist manchmal schwierig, denn der Ton kann nicht warten. Da muss ich Förderpläne schonmal verschieben.

AWO: Wer legt diese Förderpläne fest?

Die muss ich selbst erstellen. Ich muss jedes Jahr einmal Förderziele festlegen und alle zwei Monate eine Verlaufsdokumentation anfertigen. Damit habe ich es schon gut; andere müssen das täglich machen. Und jetzt eine kritische Bemerkung: im Endeffekt interessieren diese Förderpläne niemanden so richtig. Deswegen ist das schon ein bisschen nervig.

AWO: Was macht ihre Arbeit besonders?

Das Besondere ist die Arbeit mit den Menschen mit Behinderung. Nach so vielen Jahren werden deren Beeinträchtigungen zur „Normalität“. Es ist bemerkenswert, was meine Kollegen da leisten können. Das finde ich besonders. Denn es ist eben nicht normal, was die leisten können, weil es klar dennoch Defizite bei den Menschen gibt.

AWO: Müssen Sie da auch aufpassen, die Leute nicht zu überfordern?

Ja, das ist mein großes Problem (lacht). Im letzten Jahr hatten wir ein riesen Betriebserzeugnis. Da muss ich mich manchmal zurücknehmen, um sie nicht zu überlasten. Für dieses Jahr haben wir uns deswegen vorgenommen, dass wir es sehr viel ruhiger angehen werden. Allerdings gibt es auch jetzt schon wieder viele Bestellungen beispielsweise von Firmen, die zu Weihnachten Geschirr an ihre Belegschaft verschenken wollen. Das freut uns, aber es ist auch viel Arbeit.

Es ist auch so, dass viele aus meiner Gruppe nun aus Altersgründen weggehen und wir Nachwuchs organisieren müssen. Das ist nicht einfach, weil es kreative und ruhige Arbeit ist, die sich nicht viele zutrauen.

AWO: Macht Ihnen Ihre Arbeit Spaß?

(lacht) Mittlerweile ja. Ich fahre jeden Tag mit einem Lächeln zur Arbeit. Es ist wirklich schön, dass die AWO trotz aller Zwänge unsere außergewöhnlichen Arbeitsplätze – denn es ist ja letztlich Kreativarbeit – aufrecht erhält. Die Menschen in unserer Werkstatt, die zum Teil chronisch psychische Erkrankungen haben, sind wunderbar in der Lage diese filigrane Arbeit auszuüben. Wir als AWO sollten uns wirklich überlegen, solche Nischen mehr zu besetzen.

AWO: Sie sind seit 1994 bei der AWO. Wie erinnern Sie sich an die Anfangszeit der Arbeiterwohlfahrt in Sachsen?

Das waren wilde Zeiten. Ich kam damals aus der freien Wirtschaft und suchte nach einer sinnstiftenden Arbeit. So kam ich hier in die Werkstätten. Am Anfang recycelten wir Elektroschrott. Zunächst waren wir noch in Trägerschaft der Kommune, aber dann übernahm die AWO als freier Träger unsere Werkstatt. Das war – muss ich ganz unverblümt sagen – zunächst nicht schön. Zuvor hatten wir ein tolles Miteinander im Betrieb. Als dann die AWO kam, die ja auch auf Zahlen achten musste, veränderte sich das Klima. Da gab es viel Gerangel um Kompetenzen und wir Mitarbeitenden sind nicht wirklich beachtet worden. Angebote mussten wegfallen und ich hatte ein bisschen das Gefühl, dass Leute über uns entschieden haben, die sich unserer Arbeit nicht wirklich verbunden fühlten. Das Selbstverständnis unserer Werkstatt, schwachen und kranken Menschen zur Seite zu stehen, stand nicht mehr im Fokus.

AWO: Sie sind dennoch geblieben. Wie haben sich die Probleme der Anfangszeit denn für Sie gelöst?

Ehrlich gesagt hat sich das durch meine persönlichen Niederlagen aufgelöst, die mich weitergebracht haben. Ich habe einen großen Anspruch an meine Arbeit, der mich auch an meine Grenzen gebracht hat. Darüber bin ich ein Stück weit demütig geworden und habe verstanden, dass auch diejenigen, die über unsere Arbeit entscheiden, an ihre Grenzen kommen.

AWO: Ihr Verhältnis zur AWO ist also eines der Reibung. Könnte das auch dazu beigetragen haben, dass Sie so lange schon hier sind und hat sich die Struktur auch verändert?

Ja, das könnte ich schon so sagen. Es ist eine persönliche Erfolgsgeschichte, dass mich diese Reibung weitergebracht hat. Mit neuer Führung zog auch eine neue, an Flexibilität ausgerichtete Philosophie in unser Unternehmen ein. Die Arbeitsbedingungen stimmen nun. Es gibt mehr Entscheidungskompetenz und das Wohl der Mitarbeitenden wird in den Blick genommen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal während der Arbeitszeit sagen können würde: „Leute, ich muss nun eine Runde joggen gehen, um den Kopf frei zu bekommen.“ Und dass das okay ist.

AWO: Die AWO in Sachsen besteht nun seit 30 Jahren. Was wünschen sie sich für ihre Einrichtung und was wünschen Sie der AWO für die Zukunft?

Für meine Einrichtung wünsche ich mir einen Zustand, in dem ich als Führungsperson nicht mehr als Anleiter den Klient*innen gegenüberstehe, sondern wir als Kolleg*innen auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Sodass die Führungsperson nicht mal das Korrektiv, sondern nur der starke Ast ist, an dem sich alle entlanghangeln können. Zudem wünsche ich mir, dass die Werkstatt entgegen der Konventionen bestehen bleiben kann, weil wir noch nicht bereit sind, Inklusion vollumfänglich durchzuführen. Es braucht Orte, um die aufzufangen, die sich in der Gesellschaft nicht behaupten können.

Für die AWO wünsche ich mir mehr Selbstbewusstsein und Mut, in die Kraft ihrer eigenen Angestellten mehr zu investieren und aus den eigenen Reihen Nachwuchs zu erzeugen; dabei auch verdiente Mitarbeitende zu konsultieren. Wer sich hundert Jahre dem arbeitenden Volk zur Seite stellt und immer größer werdende Ungerechtigkeiten anprangert, sollte sich nicht verstecken.

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Ulrike Novy
Pressesprecherin I Öffentlichkeitsarbeit
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