05.März 2021

Schluss mit der Schönrederei

Gedanken zu den Grenzen unseres Gesundheitssystems und dem Stimmungsbild unserer Pflegekräfte

Wie kann es sein, dass die Fachzeitschrift einer renommierten Krankenkasse von einem „belastbaren und widerstandfähigen Gesundheitssystem“ in Zeiten von Corona spricht? Sind wir nicht knapp am Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems vorbei geschrammt und das auch nur, weil alle Menschen große Einschränkungen in ihrem Leben in Kauf genommen haben?

Da kann man sich über solche Aussagen schon einmal wundern, findet Lissy Nitsche-Neumann, unsere Fachreferentin für Senioren/Pflege/ Innovation.

Ausschnitt aus einem Zimmer der Intensivstation, darüber der Slogan: Schluss mit der Schönrederei.

Nach einer, wie in diesen Zeiten gewohnten, digitalen Konferenz, erfolgte – im beruflichen Kontext – ein Blick in eine von vielen Fachzeitschriften - weit kam ich nicht. Stand da zu lesen „bei allen Problemen im Alltag habe sich das Gesundheitswesen als widerstandsfähig und belastbar erwiesen.“ Interessant. Wurden die Beschränkungen neben der wichtigen und ohne Zweifel notwendigen Unterbrechung von Infektionsketten nicht auch damit begründet, dass unser Gesundheitswesen vor extremer Überbelastung geschützt werden sollte? Die Bilder, die man aus anderen Ländern gesehen hatte, sollten vermieden werden: Überfüllte Intensivstationen und Infektionsabteilungen, Personal am Rande der Erschöpfung und darüber hinaus, Särge die sich in Zelthallen und in Krematorien stapelten. Der Lockdown wurde auch damit begründet, das ohnehin belastete Personal zu schützen und Kapazitätsgrenzen zu begegnen. Hier in Sachsen hatten wir in der zweiten Welle ab Ende Oktober - mit Peak um Weihnachten herum - arg zu kämpfen. Klinikbetten waren ausgelastet, das Personal war sowohl in den Kliniken als auch in den vielen Einrichtungen für pflegebedürftige Menschen und Menschen mit Behinderungen maximal erschöpft. Auf die Notlage und Versorgungsgefährdungen wurde in Fachkreisen, Krisenstäben und ähnlichem immer wieder hingewiesen. Zeitweilig musste auf eine Grundversorgung reduziert werden oder konnte überhaupt gar keine Versorgung mehr übernommen werden, weil Personal nicht vorhanden oder nicht einsatzfähig war. Das Land wurde auf das Nötigste heruntergefahren, aber infiziertes Personal durfte und darf weiterarbeiten, um der z.T. dramatischen Lage in Kliniken und Einrichtungen Herr zu werden. Hochriskant für Patient*innen und Betreute und mehr als fragwürdig bis gar menschenunwürdig für das betroffene Personal. In einigen Pflegeeinrichtungen musste gar die Bundeswehr über Amtshilfe angefordert werden. Ob diese ausgesprochene Wahrheit gehört werden wollte oder nicht: Das oft und hoch gelobte Versorgungssystem hat(te) seine Grenzen erreicht!

Auch wenn sich die Lage jetzt Anfang März zunächst beruhigt haben mag, darf dann von „widerstandsfähig und belastbar“ gesprochen werden? Implizieren Widerstandsfähigkeit und Belastbarkeit des Gesundheitswesens unter anderem - vorliegende - Hinweise aus Pflegeeinrichtungen, dass (intensiv)behandlungsbedürftige Bewohner*innen durch von den Pflegeeinrichtungen herbei gerufene Notärzt*innen eine medizinisch angezeigte Krankenhausbehandlung möglicherweise nicht erhielten und damit eine Selektion oder versteckte Triage tatsächlich stattfindet?  Oder zeigt sich das System vielleicht auch nur „widerstandsfähig und belastbar“, weil auch das Teil der Realität ist und: darf man es dann tatsächlich so benennen? Klar ist, dass hierbei ein grober Blick nicht ausreicht. Lag eine Patientenverfügung vor, wurde ein aufklärendes (nicht ausredendes) Gespräch geführt, damit Bewohner*innen bzw. An- und Zugehörige eine informierte und eigenständige Entscheidung treffen konnten? Wenn keine Krankenhauseinweisung, aus welchen Gründen auch immer, erfolgt, ist dann ein würdiges und gut begleitetes Sterben möglich? Das insbesondere in stationären Pflegeeinrichtungen irgendwann gestorben wird und auch darf, liegt in der Sache der Natur. Das Leben IST ENDLICH. Ein Pflegeheim ist der letzte Lebensort und die Menschen ziehen ins Pflegheim, wenn eine anderweitige Versorgung nicht mehr ausreicht oder gar nicht mehr gegeben ist. Inwieweit eine Krankenhausbehandlung und insbesondere intensivmedizinische Behandlungen von z.T. schwer kranken, im Durchschnitt Mitte 80 bis über 90jährige Bewohner*innen, die am Ende ihres Lebens stehen, sinnvoll und auch zumutbar ist, darf sicher hinterfragt und ethisch diskutiert werden. Deutlich scheint in diesem Zusammenhang ein gesellschaftliches Tabuthema zu werden: Sterben und Tod als Teil des Lebens.

Und noch ist es ja nicht vorbei. Wir alle hoffen natürlich inständig, dass eine dritte Welle ausbleibt oder zumindest nicht mehr so verläuft wie eben im vergangenen Winter. Wie so etwas aussieht, zeigt ein Blick in die Nachbarländer, nach Tschechien oder Frankreich. Auch die Impfungen sind für viele eine Hoffnung, ein Licht am Ende des Tunnels und der Ausblick auf ein baldiges wieder normales Leben.

Versuchen wir alle, ein wenig neue Energie zu tanken: Frühling kündigt sich an, die Sonne wärmt schon zart unsere Haut, die Vögel zwitschern aufgeregt, die ersten Frühlingsbotschafter wie Hasel- oder Zaubernuss blühen. Die Temperaturen sind zwar noch frisch, dennoch tut es gut den langen, wenn auch wunderschönen Winter, zu verabschieden und diese ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Bleiben Sie gesund und fröhlich.

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Ulrike Novy
Pressesprecherin I Öffentlichkeitsarbeit
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