09.April 2021

Ein Kommentar von Lissy Nitsche-Neumann

Abgeklatscht und erschöpft: Die Stimmungslage in der Pflege ist wenig optimistisch

Unsere Referentin für Senioren, Pflege und Innovation bei der AWO Sachsen macht sich Gedanken zur Stimmungslage in der Pflegebranche. Ihr Fazit fällt ernüchternd aus.

Viele OP Masken, darüber die Schrift: Was kommt nach Corona?

Franziska Böhler hat zusammen mit Jarka Kubsova das Buch „I´m a Nurse“ geschrieben. Darin beschreibt sie sehr eindrücklich ihren Arbeitsalltag auf einer Intensivstation zwischen Leidenschaft und Limit. Sie zeigt auf, wie anspruchsvoll und fordernd der Beruf ist, welche Hürden und Rahmenbedingungen bestehen und wie schwer es unter diesen ist, jedem Patienten und jeder Patientin gerecht zu werden. Sie beschreibt auch, was sie zurückbekommt und warum sie ihren Beruf liebt und sich jeden Tag aufs Neue darauf einlässt. Dieses Buch kann für einige Aspekte als Schablone auf viele Bereiche gelegt werden, wo betreut und gepflegt wird. Es sind keine neuen Fakten, es ist Alltag. Das ist das eigentlich Ernüchternde. Der schon vor Corona bestehende und während Corona sich verstärkende Ausnahmezustand ist Normalität geworden. Abarbeiten war und ist die Devise. Ein bereits lang bestehender und schleichender Prozess des Personalmangels. Da darf und muss durchaus kritisch gefragt werden: Was kommt, wenn Corona vorbei ist? Schon jetzt, noch während Corona, wird kleinlich genau ausrechnet, wer bekommt welche Prämienhöhe und wer nicht, wo im Frühjahr Held*innen beklatscht worden? Wann und wie werden die viel diskutierten Verbesserungen der Rahmenbedingungen nicht mehr nur noch diskutiert, sondern umgesetzt? Wann und wie werden ganzheitliche Pflege und patientenzentrierte Versorgung etabliert? Was ist mit der seit Herbst 2020 angekündigten Pflegereform?

Die Stimmung bei Pflegekräften ist – milde ausgedrückt – als schlecht zu bezeichnen. Resigniert, ärgerlich bis wütend sind andere Ausdrücke für die Stimmungslage. Vielleicht steht uns nach Corona eine weitere oder neue große Krise bevor. Viele Pflegekräfte, die jetzt noch durchhalten, die nicht erst seit einem Jahr Pandemie jeden Tag ihre Frau und ihren Mann stehen, wollen diesen schönen Beruf verlassen, wollen sich umorientieren, wollen etwas „ganz Anderes, nur nichts mit Pflege“ machen. U.a. warnt der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) vor einem massiven Berufsausstieg von Pflegefachkräften. Medial drückt sich das in der neuen Wortschöpfung „PFLEXIT“ aus. Bundesweit werden im Lauf der nächsten zwölf Jahre 500 000 Pflegekräfte in Rente gehen. Schon heute fehlen mehr als 100 000 Pflegende in der Langzeitpflege (Deutscher Pflegerat). Im Frühjahr bis Sommer 2020 haben rund 9000 Pflegekräfte ihren Beruf aufgegeben (Funke Mediengruppe unter Bezug auf unveröffentlichte Zahlen der Bundesagentur für Arbeit). Der Pflegepersonalmangel scheint kein rein bundesdeutsches Problem zu sein. Weltweit fehlten schon vor der Pandemie lt. International Council of Nurses (ICN) sechs Millionen Pflegekräfte, altersbedingt kommen bis 2030 etwa vier Millionen dazu. Wenn aber die Menschen wegbrechen, die das System noch irgendwie am Laufen halten und junge Menschen noch viel zu wenig in diesen Beruf gehen, was dann?

Die Erkenntnis „im Sinne einer patientenorientierten Versorgung achtsamer mit Fachkräften umzugehen, um weiterhin motivierte Menschen für Gesundheitsberufe zu gewinnen und zu halten“ zu können, kommt spät, hoffentlich nicht zu spät. Insofern ist dem Zitat aus der AOK Bundesverband-Zeitschrift "Gesundheit und Gesellschaft" nichts weiter hinzuzufügen als: „Kein noch so genialer Arzt kann seine Patienten heilen, wenn die Pflegerin fehlt.“ (Gertrud von Le Fort).

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Pressesprecherin I Öffentlichkeitsarbeit
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